Analyse

Energiepreise in Großbritannien: Was die Briten wirklich für Strom, Gas und Benzin zahlen

Britisches Benzin kostet 2.06 €/L — 13 Cent weniger als in Deutschland — und Haushaltsgas ist eines der stillen Schnäppchen Westeuropas. Britischer Strom dagegen liegt deutlich über dem EU-Schnitt. Fünf Jahre nach dem Brexit holen wir Großbritannien zurück in unsere Charts: wöchentliche DESNZ-Zapfsäulenpreise, Haushaltstarife und stündliche Großhandelsdaten, alles in Euro umgerechnet und mit der EU verglichen.

Die Überraschung an der Zapfsäule: Benzin für 2.06 € — billiger als in Deutschland und Frankreich

Fangen wir mit der Zahl an, die fast jeden vom Kontinent überrascht: In der Woche vom 2026-10-05 kostete der Liter Benzin im Vereinigten Königreich im Schnitt 2.06 € — gegenüber 2.20 € in Deutschland und 2.21 € in Frankreich. Eine 50-Liter-Füllung ist damit rund 7 € günstiger als in Deutschland; pro Liter liegt Großbritannien etwa 6 % darunter.

Der Hauptgrund ist politisch, nicht geologisch. Die britische Kraftstoffsteuer — die fixe »fuel duty« pro Liter — wurde seit 2011 nicht mehr erhöht und 2022 als Entlastungsmaßnahme sogar um 5 Pence auf 52,95 p/L gesenkt; die Senkung wird seither immer wieder verlängert. Während Deutschland und Frankreich Energiesteuern anpassten und CO₂-Abgaben einführten, blieb die britische Steuer einfach stehen, und die Inflation schrumpfte sie real Jahr für Jahr. Es dürfte das Einzige in der britischen Politik sein, das seit fünfzehn Jahren zuverlässig eingefroren ist.

Ein Einwand, bevor die Feier losgeht: Billiger als Deutschland heißt nicht billig. Der EU-27-Schnitt liegt bei 1.93 €/L — knapp unter dem britischen Preis. Großbritannien schlägt seine großen Nachbarn, nicht den ganzen Kontinent.

Haushaltsstrom: günstig neben Deutschland, teuer neben fast allen anderen

Für 2026 zahlten britische Haushalte etwa — ct/kWh für Strom. Neben Deutschlands 41.6 ct wirkt das komfortabel — neben dem EU-Schnitt von 27.4 ct nicht. Frankreich liegt mit seiner Atomflotte bei 29.7 ct. Großbritannien sitzt fest im teuren oberen Drittel Europas: weniger schmerzhaft als Deutschland, aber weit entfernt von einem Schnäppchen.

Ungewöhnlich ist vor allem, *wie* der Preis zustande kommt. Seit 2019 deckelt die Regulierungsbehörde Ofgem die Standardtarife mit einem Price Cap, der jedes Quartal aus den tatsächlichen Großhandels-, Netz- und Politikkosten neu berechnet wird. Gedeckelt werden Arbeitspreis und Grundgebühr — nicht die Gesamtrechnung — und der Deckel bewegt sich in beide Richtungen: Im Juli 2026 stieg er um 13 %, über unsere Jahresdaten hinweg veränderte sich britischer Haushaltsstrom dennoch nur um {ukElecYoYPct} % gegenüber dem Vorjahr. Zig Millionen Haushalte bekommen ihren Tarif faktisch viermal im Jahr aus dem Tabellenblatt einer Behörde — ein Mechanismus, für den Deutschland, wo Preise aus tausenden Einzelverträgen entstehen, schlicht keine Entsprechung hat.

Warum ist es trotzdem teuer? Weil Großbritannien einen großen Teil seines Stroms aus Gas erzeugt und Gaskraftwerke in den meisten Stunden den Großhandelspreis setzen — dazu gleich mehr.

Gas: Großbritanniens stilles Schnäppchen

Ist britischer Strom teuer, ist britisches Gas das Gegenteil. Haushalte zahlten 2026 etwa — ct/kWh — unter dem EU-Schnitt von 9.6 ct und deutlich unter Deutschlands 10.9 ct.

Drei strukturelle Gründe: Erstens besteuert das Vereinigte Königreich Haushaltsenergie mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von nur 5 %, wo Deutschland 19 % plus CO₂-Preis ansetzt. Zweitens ist Großbritannien außergewöhnlich gut an Nachschub angebunden: eigene (schwindende) Nordseefelder, Pipelines aus Norwegen und einige der größten LNG-Importterminals Europas. Drittens die Größe des Markts — rund 85 % der britischen Haushalte hängen am Gasnetz und heizen damit, einer der höchsten Anteile Europas, und dieser riesige, liquide Markt drückt die Verteilkosten pro Kilowattstunde.

Das billige Gas ist der Grund, warum die britische Energiedebatte anders klingt als die deutsche: Das Sorgenkind der Briten ist die Stromrechnung, nicht die Heizrechnung. Der nationale Teekessel läuft, fürs Protokoll, mit dem teuren Energieträger.

Das Großhandels-Paradox: teurer an der Börse, milder an der Steckdose

Jetzt der Teil, der wie ein Widerspruch aussieht. Am Großhandelsmarkt — dort, wo Versorger Strom stundenweise einkaufen — ist Großbritannien *teurer* als Deutschland: Über die letzten 30 Tage lag der britische Day-Ahead-Preis im Schnitt bei etwa 160 €/MWh, gegenüber 154 €/MWh in der deutsch-luxemburgischen Zone — ein Aufschlag von rund 4 %. An der Haushaltssteckdose ist das Königreich trotzdem das günstigere der beiden Länder. Beide Hälften des Paradoxons haben saubere Erklärungen.

Zuerst der Großhandel: Gaskraftwerke setzen in den meisten Stunden den britischen Preis, GB-Strom importiert die Laune des Weltgasmarkts also fast eins zu eins. Und seit dem Brexit steht Großbritannien außerhalb des EU-Market-Coupling: Die Interkonnektor-Kapazität nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande wird separat versteigert (»explizite« Auktionen), statt gemeinsam mit dem Stromhandel optimiert zu werden — das funktioniert, ist aber messbar ineffizienter, und der geplante Ersatz (»loose volume coupling«) steht weiter auf dem Reißbrett.

Dann der Endkundenpreis: Haushalte zahlen Großhandel *plus* Netze, Umlagen und Steuern — und dieser Stapel ist Politik. Deutschland packt Umlagen und 19 % Mehrwertsteuer auf die Rechnung; Großbritannien verteilt seine Politikkosten sanfter und besteuert das Ergebnis mit 5 %. Ein teurerer Markt, mild besteuert, kann einen billigeren Markt schlagen, der hart besteuert wird.

Diesel: die teure Angewohnheit der Insel

Eine Zahl an der Zapfsäule läuft in die andere Richtung. Britischer Diesel kostete in der Woche vom 2026-10-05 2.36 €/L — 29 Cent mehr als Benzin. In Deutschland betrug der Abstand nur 6 Cent (2.25 € vs. 2.20 €), und gegen den EU-Dieselschnitt von 2.10 € sieht das Königreich richtig teuer aus.

Wieder erklärt das Steuerrecht das meiste. Großbritannien erhebt auf Benzin und Diesel denselben Steuersatz — 52,95 p auf beide —, der rohe Marktunterschied schlägt also ungedämpft an der Säule durch: Diesel ist das teurere Produkt in Herstellung und Import, und Großbritannien, knapp an Raffineriekapazität für Mitteldestillate, importiert viel davon. Deutschland dagegen besteuert Diesel pro Liter rund 18 Cent niedriger als Benzin — eine alte industriepolitische Subvention, die die wahren Dieselkosten versteckt. Gleiche Physik, andere Politik: Deutschland schmeichelt dem Diesel, Großbritannien zeigt einem die Rechnung.

Für Autofahrer ist die Praxis simpel: Mit dem Benziner lässt sich Großbritannien günstig bereisen; Dieselfahrer überqueren den Kanal besser mit vollem Tank.

Zwanzig Jahre Zapfsäulendaten — und was hängen bleibt

Unsere GB-Zeitreihe reicht dank der wöchentlichen DESNZ-Statistik inzwischen bis 2003 zurück. 2005 kostete britisches Benzin im Schnitt 1.27 €/L, in der Woche vom 2026-10-05 waren es 2.06 € — ein Anstieg um rund die Hälfte in zwei Jahrzehnten, fast vollständig vom Produktpreis getragen, denn die Steuer bewegte sich kaum. (Alle Euro-Werte sind zum täglichen EZB-Referenzkurs aus Pfund umgerechnet — ein Teil des Wochenzitterns ist also Wechselkurs, nicht Öl.)

Das UK-Bild in einem Absatz: Sprit billiger als in Deutschland und Frankreich, aber nahe am EU-Schnitt, mit Diesel als teurer Ausnahme; Haushaltsstrom über dem EU-Schnitt und doch klar unter Deutschland, quartalsweise von Ofgem gedeckelt; Gas nach europäischen Maßstäben wirklich günstig, mit nur 5 % Mehrwertsteuer; Großhandelsstrom teurer als bei den Nachbarn, dank gaslastiger Erzeugung und Handelsreibung nach dem Brexit.

All das aktualisiert sich auf dieser Seite laufend: wöchentliche UK-Spritpreise, stündliche GB-Großhandelspreise, das europäische Spritpreis-Ranking und die Haushaltsstrom-Historie — Großbritannien ist zurück in jedem Chart.

FAQ

Wie viel kostet Strom in Großbritannien?

Britische Haushalte zahlten 2026 etwa — ct/kWh — über dem EU-Schnitt von 27.4 ct, aber deutlich unter Deutschlands 41.6 ct. Standardtarife werden durch Ofgems Price Cap begrenzt, der jedes Quartal aus den tatsächlichen Großhandels-, Netz- und Politikkosten neu berechnet wird.

Ist Benzin in Großbritannien billiger als in der EU?

Billiger als bei den großen Nachbarn, ja: 2.06 €/L in der Woche vom 2026-10-05 gegenüber 2.20 € in Deutschland und 2.21 € in Frankreich — pro 50-Liter-Tank rund 7 € weniger als in Deutschland. Gegen den EU-27-Schnitt von 1.93 € ist Großbritannien allerdings leicht teurer. Hauptgrund für den Vorsprung vor Deutschland: Die fuel duty ist seit 2011 eingefroren und wurde 2022 um 5 Pence gesenkt.

Warum ist Diesel in Großbritannien so teuer?

Großbritannien besteuert Benzin und Diesel identisch (52,95 p/L), der höhere Herstellungs- und Importpreis von Diesel schlägt also voll an der Zapfsäule durch: 29 Cent über Benzin, während der Abstand in Deutschland nur 6 Cent beträgt — Diesel wird dort pro Liter rund 18 Cent niedriger besteuert. Zudem importiert Großbritannien einen großen Teil seines Diesels, was zusätzlich kostet.

Was ist der Ofgem Price Cap?

Eine Obergrenze für Arbeitspreis und Grundgebühr der Standardtarife in Großbritannien, festgelegt von der Regulierungsbehörde Ofgem und jedes Quartal aus Großhandels-, Netz- und Politikkosten neu berechnet. Gedeckelt wird der Preis pro kWh, nicht die Gesamtrechnung — und er bewegt sich in beide Richtungen: Im Juli 2026 stieg er um 13 % gegenüber dem Vorquartal.

Handelt Großbritannien noch Strom mit der EU?

Ja — über Seekabel-Interkonnektoren nach Frankreich, Belgien, in die Niederlande, nach Irland, Norwegen und Dänemark. Seit dem Brexit steht GB allerdings außerhalb des EU-Market-Coupling: Kapazität wird getrennt vom Strom versteigert (»explizite« Auktionen), was ineffizienter ist. Der britische Day-Ahead-Preis lag zuletzt bei etwa 160 €/MWh im 30-Tage-Schnitt, rund 4 % über den 154 € der deutschen Zone.